Mein Vater Rudi (Franz Rudolf) Urgatz bei seiner Einschulung in Herzogenrath 1937

Zur Geschichte meines väterlichen Familienzweiges gibt es nicht sehr viele Informationen. Es ist auch der Familienzweig, mit dem keine – bzw. nur sehr wenige – schönen Erinnerungen verbunden sind. Und trotzdem finde ich es wichtig, sich mit dieser Familie und ihren Menschen zu beschäftigen, denn so kann ich diffuse Gefühle in rationale Fakten verwandeln.

Auch muss man noch zwischen dem großväterlichen (Urgatz) und dem großmütterlichen Zweig (Loop) unterscheiden. Letzterer war schlicht und ergreifend in meinem Leben nicht vorhanden; erst im letzten Jahr habe ich Kontakt zu Cousinen mütterlicherseits meines Vaters bekommen. Sie leben in Brüssel (B) und Kerkrade (NL).

Mein Urgroßvater Theodor Urgatz und meine Urgroßmutter Caroline geb. Skrzipietz

Am 9.4.1875 wurde in Eichenau (Dąbrówka Mała, heute einem Stadtteil von Katowice – PL) dem Bergmanns-Ehepaar Frantz Urgatz aus Rosdzin (auch ein Stadtteil von Katowice) & Marie geb. Wowro ein Sohn geboren, den sie auf den Namen Theodor tauften.

Am 24.1.1899 heiratete der 23 Jahre alte Bergmann Theodor Urgatz die 20-jährige Caroline Skrzipietz aus Tarnowitz /Oberschlesien. Caroline wurde am 5.2.1878 geboren. Von meinem Vater weiß ich, dass das Paar in dem gut 70 km südwestlich gelegenen Pszów, Kreis Rybnik (PL) wohnte, was auch durch den in der Heiratsurkunde bestätigten Geburtsort der 2. Tochter Wilma 1901 untermauert wird. Es ist anzunehmen, dass auch die Eltern mit dort hinzogen, denn es gibt einen Hinweis im Entlassungsdokument aus der Fremdenlegion vom 1918 eines Theophile Urgatz.

Bis auf das Geburtsdatum, stimmen alle anderen Daten mit denen meines Urgroßvaters überein. Wenn es tatsächlich mein Urgroßvater ist, so hat er sich 9 Jahre jünger gemacht. Eine Erklärung könnte sein, dass er 1913 als Bergmann keine Arbeit fand und da er bereits 3 Kinder hatte und seine Frau mit dem 4. Kind schwanger, dass er auf diese Weise ein Einkommen sichern wollte. Wenn es eine Altersgrenze gab, um in die Fremdenlegion aufgenommen zu werden, denn er war bereits 38 Jahre alt, so könnte es durchaus sein, dass er es so angegeben hatte, als sei er erst 29 Jahre alt. Die Geburtsdaten der folgenden Kinder könnten auf eine Zeugung zu Weihnachten 1914 und Ostern 1918 hindeuten – also Zeiten, wo man einen „Urlaub“ für wahrscheinlich halten könnte, wenn denn die Legionäre in Nordafrika überhaupt Urlaub bekamen.

Anhand der Geburtsorte der sechs Kinder der Bergarbeiterfamilie kann man die schrittweise Wanderung von Pzchow gen Westen bis ins rheinische Steinkohlegebiet Herzogenrath an der Niederländischen Grenze verfolgen. 1915 wurde Werner in Tröbitz (südlich von Berlin) und 1919 Karl-Heinz, der jüngste, in Köln-Knappsack geboren. Theodor Urgatz soll Betriebsleiter der Grube Nordstern in Herzogenrath – Merkstein gewesen sein. Dafür konnte ich jedoch keinen Nachweis finden. Mindestens seit 1926 (Eintrag in einem Adressbuch) wohnte die Familie in Herzogenrath, Bierstraß 137. Mein Vater konnte sich noch schwach an Besuche bei den Großeltern in der „Villa“ erinnern. Da es sich nicht um ein kleines Bergarbeiterhäuschen handelte, liegt die Vermutung nahe, dass Theodor dort tatsächlich Betriebsleiter war.

Mein Großvater Lothar Urgatz & meine Großmutter Margarete geb. Loop

Am 10. Dezember 1927 gebar meine ledige Großmutter Margarete Loop in der Universitätsfrauenklinik in Köln – Lindenthal mit 21 Jahren eine Tochter, die auf den Namen Karoline Wilhelmine Marianne getauft wurde. Wieso meine Tante in Köln zur Welt kam, dazu erinnere ich Aussagen meines Vaters, der meinte, dass seine Mutter in einer Art Wohnheim lebte, seit sie (sichtbar) schwanger war. Vermutlich wollte man in der Kleinstadt Herzogenrath, in der ihre Mutter noch ein Schuhgeschäft betrieb, nicht zum Gespött der Leute werden. Im Familienbuch ist beim Heiratsschein keine Zeile für den Beruf der Frau vorgesehen, daher kann ich nicht ersehen, ob meine Großmutter ihre Ausbildung zur Weißstickerin in einem Betrieb im Spitzgässchen in Aachen (heute ist dort ein Kerzengeschäft) abgeschlossen hatte. Da ich mit dieser Großmutter jedoch keine Bilder verbinde, wo ich sie stickend oder nähend in Erinnerung habe, vermute ich, dass sie auf Grund der Schwangerschaft die Ausbildung abbrechen musste.

Erst 11 Monate nach der Geburt meiner Tante Helma, am 10. November 1928 heiratete sie meinen Großvater den Maschinenschlosser Lothar Theodor Carl Urgatz in der Kirche St. Marien in Aachen (Wallstraße). Einen Tag zuvor fand die standesamtliche Trauung in Herzogenrath statt. Lothar war zu diesem Zeitpunkt laut Familienstammbuch in Boele / Westfalen (nahe Hengstey) wohnhaft. Es gibt Fotos, die meine Großmutter in dem Bad am Hengstey-See zeigen. Ihr Vater (mein Urgroßvater) der Schuhmacher Heinrich Hubert Loop war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben und konnte der Hochzeit nicht beiwohnen. Vermutlich handelt es sich bei dem obenstehenden Foto um das Hochzeitsfoto. Da meine Großmutter bereits ein Kind hatte, durfte sie nicht in Weiß heiraten.

Drei Jahre nach dem ersten Kind, am 29.November 1930 wurde im Marianneninstitut (DER Geburtsklinik in Aachen in der Jakobstraße) mein Vater Franz Rudolf (genannt Rudi) geboren und am 3. Dezember in der Kirche St. Paulus – nur wenige Häuser weiter – getauft. Wiederum drei Jahre später kam das dritte Kind, mein Onkel Günter, am 30. September 1933 ebenda zur Welt und auch er wurde wenige Tage später in St. Paulus getauft.

Wie geht man mit kriminellen & dubiosen Vorfahren in der Familie um?

Liest man in alten Tageszeitungen aus Oberschlesien, die teilweise sogar in den USA veröffentlicht wurden, bekommt man den Eindruck, dass sich in den Familien Urgatz und Skrzipietz auffällig viele Gestalten finden, die teilweise schwerste Verbrechen begangen haben. So gruselt es einen schon, den Namen Urgatz zu tragen. Da der Name jedoch recht selten ist, ist davon auszugehen, dass hier tatsächlich mit einer Verwandtschaft zu rechnen ist. So, wie ich als Kind meinem Großvater Lothar Urgatz wahrgenommen habe, finde ich Erklärungen bzw. es dämmert mir, wieso er ein so schlechter Großvater war.

Und der Verdacht, dass mein Urgroßvater Theodor Urgatz sein Geburtsdatum für die Fremdenlegion gefälscht hat, rückt damit weiter in den Bereich der Gewissheit. Ob das allerdings aus purer Not heraus geschah, oder auch einen strafrechtlichen Hintergrund hatte, wer weiß??  

Das Ergebnis: Ein „Oberschlesischer Zeitungskrimi“, die Auflösung, bzw. die Überführung der Täter konnte ich bislang noch nicht zu Ende bringen. Hinweise nimmt in diesem Falle nicht mehr eine Polizeidienststelle, sondern die Autorin dieser FamilienWebsite entgegen.